Abtauchen

Sonderartikel

Nicht über die Schulter schauen.
Die Fahrer werden alles einsetzen, nur um ihre schicken Wagen anzuhalten, sobald Du die Straße überquerst.

Na da haben sie ja mal was zu tun.
U-Bahn Stationen gefallen mir, mit ihren langen Gängen, verwinkelt, richtig hochbeinig sind sie.
Beim überqueren der Strasse achte nicht weiter auf den Verkehr und ja sie halten an.
Natürlich halten sie an.
Auf der Treppe, die zur Station hinunterführt, bleibe ich für einen Moment stehen.
Von irgendwo da unten, ist eine Trommel, zwei rauchige Stimmen, eine Flöte, drei Metallhunde, ein kratzender Husten, zu hören.
Je tiefer ich hinabsteige, desto differenzierter werden die Töne.
Vier Stufen später höre ich jetzt, eine Trommel, eine rauchige Stimme, keine Flöte, drei Metallhunde, der kratzende Husten ging gerade an mir vorbei.
In der U-Bahn-Halle stehend, eine Trommel, eine rauchige Stimme, keine Flöte, der Metallhund wurde zu zwei Löffeln. Die eingeklemmt zwischen zwei Finger, im Rhythmus zur Trommel, schmatzen, klappern.
Das Beste an langen und tiefen U-Bahn-Schächten ist ihr Geruch. Tief aus der Erde scheint er zu kommen, wabert von ganz tief unten herauf, dringt durch kleine Schlitze und winzige Löcher und verteilt sich immer zuerst am Boden der U-Bahn-Röhre. Er riecht nach Geheimnis und Muff, eine Mischung aus Abenteuer und Langeweile.
 Verweilt ein wenig, auf einen Luftzug wartend, umschließt die Reisenden, dringt in ihre Mäntel ein und verschwindet wieder in den Tiefen dieser Erdkruste, direkt unter den Gleisen.
Eine U-Bahn ist für mich erst dann eine richtige U-Bahn, wenn sie so riecht; alles andere sind Versuche. Nichts als Straßenbahnen unter der Erde.

Hui, es geht zwei Stockwerke runter, auf diesen langen Wurmrolltreppen, die unten in einen bläulich, schimmernden Schlund verschwinden.
Lässig die Beine schlenkern lassen während, Ich, als Mann, die Treppe runtergehe, die Hüfte nach vorn geschoben und immer das Gegenüber fest im Auge.
Wenn mir auf der anderen Seite der Treppe eine Frau entgegen kommt, drehe ich mich so, dass ich den Geruch ihres Parfüm, der wie ein unsichtbarer, langer Seidenschal ihrem Weg folgt, tief einsaugen kann.
Der Geruch der U-Bahn, gemischt mit dem Parfüm einer Frau, Ekstase pur. Stehe nach solchen Geruchs-Begegnungen, hinter einem Pfeiler und träume, wie ich ihr nachschaue, ihren Gang beobachte. Ihre Seidenparfümfahne zieht an mir vorbei und sie erlaubt mir einen Blick auf ihre Hände.
Nach wenigen Metern wird sie meinen Blick spüren, wird stehen bleiben und zurück schauen. In manchen Träumen dreht sie ihren Körper herum und kommt langsam, einen Fuß vor den anderen setzend auf mich zu. Wenn sie ganz nah vor mir steht, ergreift sie meinen Kopf und biegt meinen Körper zur Seite.
Wir küssen uns jetzt, langsam, sie drückt dann immer ihren Körper dicht an mich heran, so dass ich ihre Hüften und Beine spüren darf. Ihre Arme liegen leicht auf meinen Schultern, ihr Becken wiegt sich sanft.
Frauenlippen, ihr Atem wird ganz leicht nach Vanille riechen, drücken sich an meine heran. Sie werden warm sein und langsam, wird sie größer werden, so dass ich nach dem Kuss zu ihr hinauf schauen muss. Ein Gnom in ihren Händen, mit langen Ohren und spinnenbeinigen Fingern.

Jetzt gehe ich langsam den Bahnsteig auf und ab, höre dem Zugbrausen hinterher, das in einem U-Bahnhof ständig zu hören ist und mein Traum wird blass wie eine Morgendämmerung.
Na und? Immer noch besser, als Pornos anzuschauen. Die Frauen sehen aus wie Klone, die Männer stechen zu wie Monster, mit ihren großen Pimmeln und dann können diese Beschäler auch noch viel zu lange vögeln, bevor sie abspritzten; wo bin ich dabei? Degradiert zum Zuschauer, der auf das Licht mit der Aufschrift Applaus wartet, während er an sich herumspielt.
Pornos versauen dir von vorneherein den ganzen Spaß am Sex.
Nicht mit mir, ihr Vögel, nicht mit mir.

Der Zug donnert heran, die Wartenden lösen sich von ihren Sitzen, einge schleichen hinter den Pfeilern hervor, treffen sich am Rand, dort wo die Gleise brummen. Dann sammeln sich, an strategisch günstigen Positionen, auf dem Bahnsteig. Klumpen zusammen, dort wo sie die Tür vermuten. Jeder will schließlich als Erster den Zug betreten. Den besten Platz erwischen, auf jeden Fall den besten Platz, auch wenn er nur ein kleiner Fleck in der Mitte des Zugabteils sein wird. Hauptsache er ist der Sieger aus dem Warteklumpen vor dem Zug. Großstadtpflanzen, stolz wie die Götter, direkt am Puls der Zeit; mitten im Dreißigland.

Hubert steigt aus.
Hubert ist Dozent für die Bettler dieser Stadt, zuständig das Quotenelend zu erhalten.
Er schult sie, ihren Elendsspruch in dieser U-Bahn Umgebung herunterzuplärren.
Bringt ihnen bei, ihn in der richtigen Lautstärke vorzutragen. Zeigt ihnen die richtige Atmung und Köperhaltung, damit das Gefasel, den die Nervensägen in ihrer typisch genuschelten Art, mit diesem ekligen, melodischen Unterton, dem Krach des fahrenden Zuges entgegenbrüllen, auch verstanden, wird; schließlich soll niemand entkommen können.
Talente werden geschult ein steifes Bein richtig hinter sich herzuziehen, oder einen gelähmten Arm in die richtige Haltung zu bringen und dort zu halten.
Ach ja, Hubert mag Hunde und ist mit Marianne zusammen.
Marianne bildet Hunde aus, mit denen die Quoten Punker den Tag über in den öffentlichen Verkehrsmitteln, meistens jedoch der U-Bahn, unterwegs sind.
Hubert kommt ohne Marianne aus dem Abteil gequetscht.

„Na Janus.“

„Danke, ich habe Dich auch Lieb.“

Im Vorbeigehen fiel mein Blick auf die Schlagzeile einer Computerzeitung eines bekannte Boulevard Blatts.
„Gott Modus für Windows“, stand dort schwarz, fettig, glänzend auf dem Cover.



Ein Anfang

Fünf Uhr, ich stehe auf dieser kleinen Brücke, die über meine Autobahn führt und habe Angst.
Gestern stand ich auch hier, schaute eine Zeitlang dem Treiben unter mir zu, lies meine Gedanken schweifen.
Stehen und schauen.
Während ich auf der Brücke rumlungerte, sprang ein Gedanke über Erfahrungsgräben und Erwachsenenwarnungen mit beiden Beinen direkt in mein Gehirn.
Durch diesen Strom möchtest Du einmal hindurch waten.“, blies mein ES, diesen Satansgedanken leise in mich hinein.
“Es wird nicht anders sein, als das befahren einer Stromschnelle mit diesen lächerlich, kleinen und zarten Boote, Kajak oder wie die Biester heißen.
Stell dir nur mal vor, dein Körper, inmitten von Allem.
Rechts und links, Autos die wie Geschosse an dir vorbei knallen, du mittendrin; ein Held;”, ätzten seine Worte.
Um fünf Uhr Morgens ist noch nicht viel Los auf den Strassen. Bis auf die Lkws.
Sie zerren, mit dem Luftzug den sie vor sich herschieben, heftig an mir herum.
Ein scheinbar endloses Band, aus großen und kleinen Blechkästen diese Lügenbüchsen, zieht an mir vorbei.
Alle Geräusche sind zu einem einzigen Rauschen zusammen gebacken.
Ein Blick zur Brücke, auf der ich vor wenigen Minuten noch stand. Ein Blick auf die anderen Seite der Autobahn, dazwischen die Leitplanke, mein Ziel.
Hier, an dieser Stelle, jetzt, werde ich also die Autobahn überqueren; mit verbundenen Augen.
Wie vielen Menschen ist das gelungen?
Fuck, ist doch Scheißegal, dann bin ich halt der Erste.
Weit ist es ja nicht, bis zum Mittelstreifen, weiter werde ich heute nicht gehen.
Vielleicht hundert, hundertfünfzig Meter.
Dafür brauche ich keine zwei Minuten. Ach, höchsten drei. Ich kneife meine Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen und blinze hinüber.
Jetzt kotzt mich meine dämliche Spontanität an, auf die ich so stolz bin; hätte mal messen sollen wie lange ich für die hundert Meter brauchen werde.
Die Zeit vergeht sehr langsam, wenn du an einer Stelle reinster Geschwindigkeit stehst.
„Da bläst er.“, dieser alte Walfängerruf schießt durch meinen Kopf, während ich den nächsten LKW beobachte. Hinter ihm endlich Platz.
Scheiße die Lücke sieht gut aus, sie sieht Groß aus, sie sieht nach meinem Zeitfenster aus.“, murmel ich vor mir hin und spanne meine Muskeln an.
Mach dich bereit, es sind nur noch vier die an dir vorbei fahren werden.
Augen zu, Körper gerade halten.
Der erste ist vorbei, der zweite schon etwas näher, gleich danach der dritte. Der vierte Wagen wird ganz dicht an mir vorbeifahren; jedenfalls wenn der Fahrer ihn weiterhin auf der rechten Spur hält.
Das war es, sie sind vorbei. Jetzt los. Geh Mann, du hast drei Minuten.
Denke nicht an einen schnellen Porsche, der mit dreihundert über die Bahn spritzt. Denke nicht an matschige Körper, an Fleischmaßen die herumliegen, denke nicht, fühle.
Höre, lauf los.
Nennt mich Ismael.
Ich verbinde meine Augen mit einem bunten Seidenschal. Seide kann fest verknotet werden. Sie ist leicht und lässt sich zu einem kleinen Päckchen zusammenknüllen; passt in jede Tasche.
Ausserdem klebt noch Parfüm an ihm, dieses wunderbare, süssliche, schwere Frauenparfüm.
Ich schliesse meine Augen, lege mit beiden Händen den Schal um meinen Kopf und ziehe die beiden Enden, fest zu.
Nichts soll schiefgehen, ich will mir gar nicht erst die Möglichkeit zum Blinzen lassen.
In meinem Kopf sehe ich Soldaten die aus einem Schützengraben quellen, grau, behelmt. Ihre langen Gewehre als Balancestange, wie Hochseilartisten, an ihre Brust drückend. Hinaus aus dem schützenden Armen der Erde, es geht los.
Der erste Schritt nach vorn ist getan. Ich gehe jetzt vorran, ohne Zögern, lässig.
Auf zum Heldendasein.
„Hausaufgaben Ringel Ringel Reihe. Konformismus, ich werde immer brav sein. Hüpf Häschen hüpf, hüpf aus der Gruppe. Lauf du Scheißhase.“. Nichts als Stimmen in meinem Kopf.
Götter wo seit ihr, seit ihr bei mir? An meiner Seite? Im Jetzt und Hier, sowie in Zukunft? Geht nicht ihr Götter, geht jetzt noch nicht, bleibt bei mir, ich brauche euch doch.
Immer einen Schritt vor den anderen, schön stetig. Immer mit der Ruhe, nur keine Hektik.
Drei Minuten, sind drei Minuten.
Zeit ist relativ.
Auf einer Autobahn vergeht sie schneller.
Wie weit bin ich gekommen?
Seit dem Zeitpunkt der Stille, als das Rauschen leiser wurde; seit dem Zeitpunkt des Losgehens.
Als die diesem grauen Betonstreifen begann.
Es war doch leiser geworden?
Zu spät für Sorgen.
Plötzlich werde ich umhergewirbelt, wie von einer Titanenhand, ich versuche das Gleichgewicht zu halten.
Mein Gott dabei muss ich doch schon fast drüben sein.
Das Leben ist wundervoll, ich bin wundervoll.
Das Kreischen an meiner rechten Seite durchlief mich heiß, der Schall durchschnitt meinen Körper, wie ein heißes Messer ein Stück Butter.
Muskeln, deren Existenz ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte, spannten sich augenblicklich.
Ein weiterer Luftzug, stark wie in Bär prügelte von Links auf mich ein.
Ich wirbelte erneut herum.
Wie oft habe ich mich jetzt gedreht, in welche Richtung zeigt mein Körper? Gehe ich noch geradeaus?
„Häschen in der Grube, hüpf, hüpf, saß und schlief, hüpf Häschen“. Ich sprang nach vorne, ein erneutes Kreischen traf mich auf meiner rechten Seite, eine Luftfaust warf mich gegen Metall.
„Hüpf, Häschen hüpf, Du Drecksvieh hüpf, hüpf doch.“, rief ich.
Ein Jucken im Rücken, dieses Jucken wenn man weiss das jemand direkt hinter einem steht.
Jemand wird mich schlagen, in die Seite, auf die Beine, in den Rücken.
Jede Stelle meines Körpers ist jetzt ein Ziel.
Etwas kreischt an meiner Seite, es riecht nach verbranntem Gummi.
Mein Bruder flog damals drei Meter hoch, als ihn das Auto traf.
Meine Mutter kann dann jetzt wohl auch, so wie sie es damals bei meinem Bruder tat, an meiner Seite hocken und flehend rufen: „Janus, Janus, wach doch auf. Janus, Janus, hörst du mich?“. Sie wird weinen und dabei meine Wange tätscheln.
Mein Fuß ertastet, einen kleinen Stein.
Seide lässt sich fest verknoten, es ist immer noch dunkel.
Das Metall der Leitplanke knallt hart gegen meinen Rücken und ritzte ihn wohl ein wenig auf, es brennt.
Nach der Rolle über die Planke, schlägt mein Gesicht, hart auf den rauen Beton dahinter auf.
Es ist still geworden um mich herum, es gibt keinen Laut, kein Rauschen mehr. Ausser meiner ausströmenden Luft.
Niemand ist so alt wie er sich fühlt.
Du bist ist immer so alt, wie Du für dein Gegenüber aussieht.
Ein Vogel zwitschert sehr laut im Geäst der Bäume auf der anderen Seite. Weil das Autobahrauschen nur die hohen Töne durchsickern lässt.
Ein Geruch von Benzin, schlägt mir entgegen.
Ich liege auf dem Bauch, blute aus der Nase und höre dem Rauschen zu.
Kurze heftige Windböen, lassen das Gras um mich herum nicken. Sie lachen fast, so als würden sie sich freuen, dass ich es geschafft habe, diesen kurzen Spaziergang, von zweihundert Metern, zu überleben.
Ich lebe, wieder, ich lache.

Lachen ist der unmittelbare, untrügliche Lebensbeweis.